Gefühle begreifen: Wie Therapeut*innen mit Gefühlskarten arbeiten können

Gefühle begreifen: Wie Therapeut*innen mit Gefühlskarten arbeiten können

Gefühle sind manchmal wie ein riesiges Puzzle – besonders für Kinder und Jugendliche. Sie wissen oft gar nicht, was da in ihnen los ist, geschweige denn, wie sie es benennen oder mitteilen sollen. Genau hier setzen Gefühlskarten in der Therapie an: Sie helfen, Emotionen sichtbar, greifbar und besprechbar zu machen.

In einer Welt, in der selbst Erwachsene manchmal keine Worte für ihre inneren Zustände finden, bieten diese Karten einen einfühlsamen und kreativen Zugang. Sie unterstützen die emotionale Arbeit mit Kindern – sanft, spielerisch und vor allem wirkungsvoll.

 

Was sind Gefühlskarten – und warum sind sie so besonders?

Gefühlskarten sind visuelle oder textbasierte Werkzeuge, die dabei helfen, Emotionen zu erkennen, zu benennen und zu reflektieren. Sie zeigen meist Gesichter, Farben oder Wörter, die unterschiedliche Stimmungen ausdrücken – von „ängstlich“ über „verwirrt“ bis zu „zufrieden“.

Für Kinder (aber auch für Erwachsene) sind Gefühle oft abstrakt. Eine Karte mit einem weinenden Gesicht oder einem Sturmwolken-Motiv macht Gefühle sichtbar und damit verständlicher. In der Therapie mit Kindern und Jugendlichen sind sie deshalb ein echter Gamechanger.

 

So unterstützen Gefühlskarten die emotionale Arbeit mit Kindern

1. Emotionen erkennen und benennen

Die Arbeit mit Gefühlskarten hilft Kindern, sich selbst besser wahrzunehmen. Wenn sie sagen können „Ich bin heute wütend“, statt einfach zu weinen oder zu schreien, ist das ein riesiger Schritt in Richtung Selbstregulation.

Viele Kinder wachsen in einem Umfeld auf, in dem Emotionen wenig Raum haben. Gefühlskarten schaffen diesen Raum – ohne Druck, ohne Bewertung.

2. Gespräche auf Augenhöhe ermöglichen

Gefühlskarten bringen Struktur ins Gespräch, ohne starr zu sein. Sie geben Kindern eine Stimme – auch jenen, die sich schwer tun mit Sprache oder Vertrauen.

Therapeut*innen berichten oft, dass gerade introvertierte oder traumatisierte Kinder durch Karten Zugang zum Gespräch finden. Es entsteht ein sicherer Rahmen, in dem sie sich zeigen dürfen.

3. Kreative Interventionen gestalten

Ob in Rollenspielen, beim Malen oder im Geschichten-Erfinden – Gefühlskarten lassen sich wunderbar in kreative Methoden einbinden.

Beispiel: Ein Kind zieht die Karte „verlegen“ und malt ein Bild dazu. Danach erzählt es eine Geschichte, wann es sich so gefühlt hat. So werden Erlebnisse verarbeitet und neue Perspektiven eröffnet.

 

Für welche Altersgruppen eignen sich Gefühlskarten in der Therapie?

Gefühlskarten sind flexibel einsetzbar – vom Vorschulalter bis ins Jugendalter (und darüber hinaus). Wichtig ist, die Karten dem Entwicklungsstand anzupassen:

·         Für Jüngere eignen sich Bildkarten mit klaren Ausdrücken oder Farben.

·         Für Ältere bieten Wortkarten oder komplexere Szenarien die Möglichkeit zur Reflexion.

Menschen mit Behinderungen profitieren ebenfalls von der Visualisierung – gerade wenn verbale Kommunikation schwierig ist.

 

Gefühlskarten in verschiedenen Settings der therapeutischen Arbeit

Gefühlskarten sind wahre Allrounder – sie passen sich flexibel an die jeweilige Situation, das Alter und die Bedürfnisse der Klient*innen an. Ob still, lebendig, spielerisch oder tiefgehend: Ihr Einsatz ist so vielseitig wie die Menschen, die damit arbeiten. Besonders in der therapeutischen Praxis eröffnen sie neue Wege, wenn Worte fehlen oder Nähe erst langsam entstehen darf. Sie helfen, emotionale Blockaden zu lösen, schaffen Verbindung und machen das Unsichtbare sichtbar. Und das Beste: Sie können ganz intuitiv verwendet werden, ohne viel Vorbereitung oder theoretischen Überbau.

1. Einzeltherapie

Hier helfen die Karten, einen Einstieg zu finden, wenn Worte fehlen. Sie geben der Sitzung Struktur und Orientierung – sowohl für Therapeutin als auch für die Klientin.

2. Gruppentherapie

In Gruppen können Gefühlskarten genutzt werden, um Stimmungen abzufragen, gemeinsame Reflexionen anzuregen oder Rollenspiele zu starten. Sie fördern die Empathie untereinander und helfen, eine emotionale Verbindung aufzubauen.

3. Elternarbeit

Auch in der Arbeit mit Bezugspersonen können Gefühlskarten unterstützend wirken. Sie helfen dabei, das emotionale Erleben der Kinder besser zu verstehen und im Alltag feinfühliger zu begleiten.

 

 

Tipps für Therapeut*innen: So gelingt der Einsatz

·         Wertungsfrei bleiben: Es gibt kein richtig oder falsch bei Gefühlen. Alles darf sein.

·         Routinen schaffen: Karten können z. B. zu Beginn oder Ende jeder Sitzung eingesetzt werden.

·         Nachfragen statt interpretieren: „Was bedeutet diese Karte für dich?“ öffnet mehr Türen als „Aha, du bist also traurig.“

·         Geduld haben: Manche Kinder brauchen Zeit. Die Karten dürfen auch einfach mal nur betrachtet werden.

 

Herausforderungen und Chancen

Natürlich funktioniert nicht jede Methode bei jedem Kind gleich gut. Manche empfinden die Karten anfangs als „komisch“ oder haben Angst, sich zu zeigen. Doch genau darin steckt eine Chance: Gemeinsam mit der Therapeut*in kann ein neuer Zugang zu sich selbst entstehen – in kleinen Schritten, auf ganz persönliche Weise.

Mit Zeit, Vertrauen und einem sicheren Rahmen werden Gefühlskarten zu einem wertvollen Begleiter im therapeutischen Prozess.

 

Fazit: Emotionen sichtbar machen – und heilsam begleiten

Gefühlskarten in der Therapie sind kein Zaubertrick – aber sie öffnen Türen, die mit Worten oft verschlossen bleiben. Sie bringen Farbe, Tiefe und Leichtigkeit in die emotionale Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen.

Und vor allem: Sie zeigen, dass jedes Gefühl seinen Platz haben darf – liebevoll, echt und ohne Urteil.

 

FAQ: Gefühlskarten in der therapeutischen Praxis

1. Können Gefühlskarten auch bei Jugendlichen eingesetzt werden?
 Ja, besonders Wort- oder Szenarienkarten eignen sich gut für ältere Kinder und Jugendliche.

2. Was tun, wenn ein Kind keine Karte auswählen möchte?
 Zwang ist kontraproduktiv. Manchmal reicht es, Karten anzuschauen oder mit einer neutralen Karte zu starten.

3. Sind Gefühlskarten auch für Erwachsene hilfreich?
 Absolut! Viele Erwachsene haben nie gelernt, ihre Gefühle auszudrücken – Karten können hier eine sanfte Brücke sein.

4. Wie oft sollte man mit Gefühlskarten arbeiten?
 Regelmässig, aber dosiert – z. B. zu Beginn der Sitzung oder wenn schwierige Themen aufkommen.

5. Gibt es digitale Alternativen zu physischen Karten?
 Ja, mittlerweile gibt es auch Apps oder Online-Tools, die Gefühlskarten interaktiv darstellen.

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